Schwabing

Schwabing – ein Lebensgefühl

Kein Stadtteil ist so viel von Künstlern beschrieben, besungen und gemalt worden wir Schwabing. Eine Ode.

Diesmal von Marie Waldburg – Society-Kolumnistin bei der Bunten

Malerische Straßenzüge und erholsame Ruheoasen wie der Kleinhesseloher See – Schwabing bietet höchste Lebensqualität

Schwabing. Genüsslich lässt man sich das Wort auf der Zunge zergehen und denkt dabei immer auch ein bisschen an frivole Feste, Bohemien-Leben und studentische Unbesorgtheit. Schriftsteller wie Roda Roda, Gottfried Keller und Gregor von Rezzori fanden hier ihre Inspiration, Maler wie Franz Marc und Wassily Kandinsky ihre Motive. Die Faschingsfeste im sogenannten Bohème-Viertel waren legendär. Der große Regisseur Helmut Dietl widmete sich ihnen in der berühmten Serie „Monaco Franze“. Und dass er zeitlebens leidenschaftlicher Schwabinger war, spricht für das Viertel, das in den letzten 20 Jahren etwas verblasste und nun sichtlich wieder aufersteht.

Eine Kreuzung in Schwabing, umgeben von AltbauDas viel gepriesene Schwabinger Lebensgefühl kommt wieder: auf den Plätzen vor der Uni, im Akademiegarten und auf den Treppen der Ursulakirche sitzen junge Leute in Gruppen wie die Weintrauben. Radeln in den Englischen Garten, auf die „große Wiese“ oder zur belebten Schmankerl-Oase „Seehaus“ am Kleinhesseloher See oder steuern den von den Wittelsbachern geschenkten Luitpoldpark an, der mit dem Restaurant „Ferdinand“ im Bamberger Haus ein neuer Magnet geworden ist. Lebensgefühl Schwabing: Dazu gehören auch die vielen Galerien wie die von Walter Storms oder der „Artroom 9“, die Pinakotheken und das Brandhorst-Museum – auch wenn letztere korrekterweise schon zur Maxvorstadt zählen. In der Buch-Oase „Lehmkuhl“ wird man perfekt beraten und kann die sonst eher hässliche Leopoldstraße rundherum kurz vergessen.

Wenn es um die Erhaltung von Legenden geht, sind die Schwabinger kämpferisch.

Der Walking Man und das historische Siegestor, auf dem Helmut Dietl schon mal eine gewagte Filmeinstellung für „Münchner Gschichten“ drehte, trösten über die vielen Bausünden des Corso Leopold hinweg. Wenn es um die Erhaltung von Legenden geht, sind die Schwabinger kämpferischer als die Haidhausener, Glockenbachviertler oder Pasinger. Was haben sie protestiert, als die berühmten Schwabinger 7 abgerissen wurde! Traditionsreiche Kabaretts wie das Lustspielhaus oder das Lach & Schieß werden gepflegt wie blühende Geliebte und auf der anderen Schwabingseite erfreut sich der Alte Simpl immer noch größter Beliebtheit – auch wenn die Blütezeit unter der langjährigen Wirtin Toni Netzle längst passé ist.

Schwabing – Fundgrube für Fassaden-Kenner: Die Art-Deco-Motive in der Ainmillerstraße 22, in der Franz-Joseph-Straße 19 und an der Münchner Freiheit sind mehr als sehenwert, die Häuser in der Kaiserstraße und der Mottlstraße ähneln Londoner Häuserzeilen: verschachtelt, geheimnisvoll, bohemien. In der Werneckstraße versteckt sich das Suresnes-Schlösschen, heute Sitz der Katholischen Akademie. An der Mandlstraße, einer der schönsten Ecken Schwabings, befindet sich das Standesamt.

Leben und leben lassen – diese Devise gilt auch in vielen Schwabinger Lokalen wie im Peony Lounge in der Hörwarthstraße, im Traditionsitaliener Italy, im eher unscheinbaren Butchers Grill in der Karl-Theodor-Straße, wo der Wirt jede Oper kennt, in der Seerose, die ihre Renovierung gelungen überstand, in der geschichtsträchtigen Osteria Italiana, im urigen Georgenhof oder in der Rheinpfalz, wo der Wirt aussieht wie ein Vetter von Mick Jagger und das Schnitzel großzügig über den Teller lappt. Hier treffen sich Literaten, Lebenskünstler und Legenden wie Richard Rigan – einst unwiderstehlich als Elvis von Schwabing.

Wer wissen möchte, wo berühmte Schwabinger begraben sind, sollte unbedingt den alten Nordfriedhof an der Arcisstraße mit seinen malerischen Grabsteinen, verwittert und voller Historie, besuchen. Nur wenige prominente Schwabinger, wie Helmut Dietl, Helmut Fischer oder Bernd Eichinger, liegen nämlich auf dem illustren Bogenhauser Friedhof begraben.