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Leben und leben lassen oder: „Liberalitas Bavariae“

Wolfgang Heubisch war Staatsminister, heute ist er für die FDP im Münchner Stadtrat.  Helmut Markwort prägt seit Jahrzehnten die Münchner Medien- und Detlev Frhr. v. Wangenheim die Immobilienlandschaft. Ein Gespräch unter Münchener Freunden.

Lassen Sie uns über zwei Arten überzeugte Münchner sprechen: den Zuagroasten und den Eingeborenen. Reichlich Diskussionspotenzial, stimmts?
Heubisch: Die richtige Mischung macht es. Ohne die „Zuagroasten“ wäre München eine langweilige Stadt und ohne die „Einheimischen“ wäre München eine Stadt ohne Identität. Eines fällt mir dabei auf: Die glühendsten „Münchner“ sind nicht die hier Geborenen, sondern die im Laufe ihres Lebens Zugezogenen – zum Beispiel ein Helmut Markwort. Trotzdem oder gerade deshalb sind wir uns eigentlich immer einig.
Markwort: Die erfolgreiche Mischung von Menschen gehört zur Münchner Tradition. Die verdanken wir den bayrischen Königen. Als noch kein Mensch den Begriff „Einwanderungspolitik“ kannte, hat der wirkungsreiche Ludwig I. planmäßig so genannte „Nordlichter” nach München gelockt. Koryphäen aus Wissenschaft, Kunst und Architektur bereicherten das Erscheinungsbild und den Geist der Stadt. Sie waren willkommen und gehörten dazu. Mir geht es genauso. Nach 52 Jahren in dieser Stadt fühle ich mich hier daheim und bestens vernetzt. Die Münchner Toleranz habe ich oft gespürt. Kein Mensch hat gefragt, wo ich geboren bin, als ich Münchner Institutionen wie Radio Gong und Antenne Bayern gegründet habe. An den bayerischen Weltmarken FC Bayern München und Allianz-Arena durfte ich im Aufsichtsrat mitwirken. Sie sind maßgeblich das Werk des Ulmers Uli Hoeneß und des Westfalen Karl-Heinz Rummenigge. Sie haben das Münchner Lebensgefühl so verinnerlicht, dass ihr Ruf „Mia san mia” auch von den Eingeborenen anerkannt wird. Die Münchner lieben den Erfolg.“

Bayern – die Nummer 1 in Deutschland?
Heubisch: Um die Zukunft zu meistern, interessiert mich nicht, ob wir Nummer 1 in Deutschland sind. Wir spielen in der Weltliga, also gegen das Silicon Valley, gegen Shanghai, Bangalore, Groß-London oder auch Singapur. Wenn wir gegen diese Hot Spots bestehen, dann sichern wir die Zukunft unserer Kinder und den Wohlstand. Deshalb müssen wir in großem Stil und nachhaltig in die Hochschulen, Universitäten und die Forschung investieren.
Markwort: Wolfgang Heubisch hat recht: Bayern darf sich nicht auf dem Spitzenplatz unter den deutschen Ländern ausruhen. Im Europa der Regionen und im globalen Wettbewerb muss Bayern Champions League spielen.

Warum funktioniert alles in Bayern?
Markwort: Diesen Spitzenplatz verdankt Bayern seinen Bürgern. Die einzigartige Mischung aus weltweit agierenden Dax-Konzernen und tausenden Mittelständlern ist eine Garantie für wirtschaftlichen Erfolg. Vor allem die Millionen Mitarbeiter in mittelständischen Firmen, die sich verantwortungsvoll mit ihren Unternehmen identifizieren, verhelfen Bayern zu seiner Ausnahmestellung. Sie verkörpern die Lebensart, die Goethe in einem Zweizeiler formuliert hat: „Tages Arbeit! Abends Gäste! Saure Wochen! Frohe Feste!”

Verdanken wir diese beneidenswerte Situation einer konservativen Grundeinstellung
und liberalen Wirtschaftspolitik?
Heubisch: Auch da gehört beides zusammen, was man am besten mit „Liberalitas Bavariae“ umschreiben kann. Das Erstaunliche – egal ob in Berchtesgaden, Aschaffenburg, Passau oder Lindau, egal ob Franke, Schwäbin, Ober- oder Niederbayer: diese Lebenseinstellung gibts in Bayern überall. Auch und vor allem in München.
Markwort: Wolfgang Heubischs Aufzählung kann ich ergänzen. Natürlich ist München die Hauptstadt der bayrischen Freiheit, aber ich habe dieses Lebensgefühl auch in Coburg gespürt, wo ich zur Schule gegangen bin.
Die Menschen dort sind heilfroh, dass sie sich 1920 in einer Volksabstimmung für Bayern und gegen Thüringen entschieden haben.

In München gibt es weniger Hoodies, aber genau so viele Start-ups. Bei diesem Thema denkt jedoch jeder zuerst an Berlin. Warum?
Heubisch: Berlin ist die Bundeshauptstadt und zieht schon allein deshalb viel Aufmerksamkeit auf sich. Die bekannte „Berliner Schnauze“ mag zwar ein Gefühl der Überlegenheit suggerieren, die Arbeit wird aber in München erledigt. Eine erfolgreiche Wirtschaft, sehr gute Hochschulen und eine große Offenheit gegenüber  wirtschaftlichem Erfolg. Wirtschaftlich gesehen ist Berlin ein Nobody, deshalb entstehen die wichtigen Start-ups in München.
Markwort: Berlin blufft.

Erst vor kurzem hat New York München als bedeutendste Verlagsstadt der Welt abgelöst. Nicht schlecht für ein Millionendorf …
Markwort: Hier muss ich politisch werden. Es ärgert mich, dass die hoch subventionierte Hauptstadt Berlin mit unseren Steuergeldern Verlage aus München und Frankfurt anlockt und abzieht. Das kann nicht der Sinn des Länderfinanzausgleichs sein! Was München aber niemand nehmen kann, ist die literarische und künstlerische Tradition, angefangen bei der Geschichte des „Simplicissimus“ bis zu den Spuren von Frank Wedekind und Erich Kästner. Ich liebe es, die Wege zu gehen, die Thomas Mann beschrieben hat.

Münchens Problem ist bezahlbares Wohnen.
Heubisch: Hier wurden in der Vergangenheit Fehler gemacht – sowohl in der Landeshauptstadt als auch im Freistaat Bayern. Da hilft uns auch keine Mietpreisbremse weiter. Die Lösung: mehr Wohnungen bauen, mehr Baugrund ausweisen und die oft maßlos überzogenen Vorschriften abbauen. Bei der Nachverdichtung werden wir nur geringe Erfolge haben. Jeder findet das zwar gut, aber bitte nicht vor seiner Haustüre. Es ist aber nicht nur München sondern eigentlich ganz Bayern betroffen.
Markwort: Die Wohnungsnot ist ein gewaltiges Erfolgsproblem. Leider waren höhere Häuser durch kleinliche Beschlüsse jahrelang verboten. Die Mietpreisbremse ist in Wahrheit eine Wohnungsbaubremse.

Neuerdings sind wir von der Weltliste der besten Fahrradstädte gefallen.
Heubisch: Ich selbst bin begeisterter Radler. Wir haben da aber in der Tat noch eine Menge Arbeit vor uns. Es muss uns gelingen, für Fußgänger, Rad- und Autofahrer ein gemeinsames Konzept zu entwickeln. Bei den Radfahrern, die gewaltige Zuwachsraten haben, wird sich am meisten tun müssen.

München – die „nördlichste Stadt Italiens“?
Heubisch: Im Hinblick auf Verkehr Gott sei Dank nicht! (lacht.) Wer schon mal einen Cappuccino auf der Piazza delle Erbe in Verona genossen oder die Bauwerke in Florenz bewundert hat, der weiß aber, dass das stimmt.
Markwort: Weil dieser sympathische Vergleich immer wieder zitiert wird, verhalten sich auch immer mehr Münchner danach. Das Bild stimmt an vielen Orten, vor allem im Englischen Garten. Diese riesige Parkanlage ist ein Integrationsparadies.

„Stadt der Denker, Macher und Genießer“?
Heubisch: Ich könnte noch einiges hinzufügen, die Stadt der Kunstsinnigen, Grantler, Ehrgeizigen, (Freizeit-)Sportler und und und. Frei nach dem Motto: Leben und Leben lassen.
Markwort: So ist es. München leuchtet.

Sehr geehrter Herr Dr. Heubisch, lieber Herr
Markwort, vielen Dank für das Gespräch!

 

Ein Beitrag aus den „Stadtteil News“ – publiziert von Duken & v. Wangenheim